Winkeln / Abtwil: Wild-West
oder das neue Zentrum der Nordostschweiz
Waren in den letzten Jahrhunderten die Kernstädte das funktionelle Zentrum der Region, ging diese Rolle mit der Agglomerationsbildung in den letzten Jahren mehr und mehr verloren. Die neuen Zentren liegen an der Autobahnausfahrt am Rand der Stadt - mit irreversiblen Folgen für unsere Region.
Von Andreas Bernhardsgrütter
Stadt und Markt: das Zentrum der Region
Unsere städtebaulichen Vorstellungen gehen von einem Ideal einer mitteleuropäischen Stadt der Jahrhundertwende aus: Paris, Budapest, Wien, auch St. Gallen rund um um die Altstadt mit ihren representativen Häuserzeilen, Boulevards, Parks. Eine geplante und gewachsene Stadt mit klar zuordbaren Nutzungen und einem Zentrum in der Mitte. Dort sind Rathaus, Geschäftshäuser, Bahnhof, Museen, Theater und Markthallen um schöne Plätze und Strassen gruppiert und bilden das Herz der Stadt. Diese Stadt kann zu Fuss ergangen werden, sie ist überschaubar und von den Vorstädten innert nützlicher Zeit erreichbar.
Mit dem Wachstum der Städte mussten neue Verkehrswege gebaut werden. Strassen und Trambahnen bedienen die Stadtränder, der Bahnhof im Zentrum verbindet diese Stadt mit den Vororten sowie den anderen Städten und bildet das Tor zur Welt und gleichzeitig auch das Tor der Stadt.
"Landluft macht frei"
Mit der seit den sechziger Jahren gestiegene Mobilität verändert sich auch die Funktion der Städte. Ihr Einzugsgebiet ist gewachsen. Früher dörflich und landwirtschaftlich geprägte Gegenden geraten in den Sog der Städte; sind als Wohnort der Städter entdeckt. An den Sonnenhängen klettern die Einfamilienhäuschen der Pendler empor. Die Ausfallstrassen sind autogerecht ausgebaut, neue Expressstrassen schneiden regelrechte Schneisen in die Weichteile der Städte. Zurück bleibt die Stadt mit ihren Arbeitsplätzen, vielen Verkehrsproblemen und eingeschränkter Lebensqualität entlang den stark befahrenen Strassen. Stadtflucht und Desurbanisierung verändert ganze Landstriche: Mit der Zersiedelung dehnen sich Agglomerationen aus. Landluft macht frei vor hohen Steuern, gedrängten Wohnsituationen, Schulhäusern mit hohem Ausländeranteil und lärmiger Umgebung. Die Landflucht zwingt aber die Pendlerinnen und Pendler täglich eine bis zwei Stunden ins Auto und macht sie autoabhängig und immobil.
Das funktionale Zentrum der Region verschiebt sich zur Autobahnausfahrt
Aber das Herz der Region blieb bis in die achtziger Jahren das Stadtzentrum. Dies hat sich - zumindest funktional - mit dem Ausbau von Einkaufs- und Vergnügungszentren an den Autobahnausfahrten geändert. St. Gallen West / Abtwil ist längst zu einem Zentrum für die gesamte Agglomeration geworden. Die Einkaufszentren und Fachmärkte mehr und mehr auch Freizeitzentren wie Plauschbäder, Kinos, Restaurants, Hotels oder Schulen rechnen grosszügig mit Einzugsgebieten von 50 bis 100 km oder einer Stunde Autofahrt und ziehen grossräumig Kaufkraft und Leben von den Kernstädten ab. Die neuen Zentren an den Stadträndern weisen aber nicht die urbane Qualitäten einer Stadt aus. Künstliche toskanische oder andalusische Piazzas werden denn auch in Malls in den Einkaufszentren nachgebaut - die Konsumenten geben sich offenbar mit Ersatzwelten zufrieden. Ausserhalb der Bauten herrscht städtebauliche Ödnis und Chaos. Verloren, wer sich zu Fuss oder mit dem Velo von Fachmarkt zu Fachmarkt bewegen will.
Einseitig auf das Auto ausgerichtet
Während Warenhäuser im Stadtzentrum einen hohen Anteil von Kunden haben, welche mit dem Velo, zu Fuss oder mit dem öffentlichen Verkehr anreisen, sind die Fachmärkte an der Peripherie mit einem Fussgänger- und Veloanteil von gegen null und einem ÖV-Anteil von maximal 10 Prozent vorwiegend auf die automobile Kundschaft ausgerichtet. Die Entwicklung fördert das Wachstum des Strassenverkehrs und ist alles andere als nachhaltig. Sämtliche Leitbilder und Zielvorstellungen der Raum-und Verkehrsplanung werden hier missachtet. Und doch geht diese Entwicklung unverdrossen und mit hohem Tempo weiter.
Entscheide fallen jetzt
In der politischen Diskussion wird argumentiert, dass diese Entwicklung nicht aufzuhalten sei, die ursprünglich für Gewerbebetriebe vorgesehene Gewerbezonen ermöglichen diese intensive Nutzung, den Trend zu stoppen, sei zu spät. Dies ist falsch: Der Entschied, ob das Gebiet St. Gallen West als Zentrum ausgebaut werden soll, fällt jetzt. Der Ausbau der Autobahnausfahrt Winkeln setzt weithin ein Zeichen, dass Bund, Kanton und Stadt den Standort für weitere Einkaufs- und Vergnügungszentren fördern und mit dutzenden von Millionen subventionieren wollen (während eine Verbesserung des ÖV-Angebotes erst im groben geplant, noch nicht finanziert und ohnehin nur Flickwerk darstellt). Der Entscheid, hier ein Fussballstadion und damit auch ca. 44'000 m2 Laden- und Freizeitfläche zuzulassen, steht mit der Behandlung des Überbauungsplanes und der höheren Finanzierung durch die öffentliche Hand noch aus. Alle Fachleute und auch die Politiker wissen es, hier wird eine Entwicklung gegen jede Vernunft weiter angeheizt. Aber niemand will sich dagegen stellen.
Andreas Bernhardsgrütter

Pressespiegel St. Gallen West:
- Tagblatt vom 22. November 2003
Das Stadion bewegt fast alle
Hans Hurni und Basil Keller informierten bei der FDP Andwil über den aktuellen Stand des Fussballstadion-Projekts
- Tagblatt vom 26. August 2003
Einsprachen gegen Stadion: Drei Weiterzüge
St. Gallen. Der VCS, eine Interessengemeinschaft aus dem Quartier und ein Privater haben ihre Einsprachen gegen das St. Galler Stadionprojekt weitergezogen.
- Tagblatt vom 23. August 2003
Kommission will Land gratis abgeben
Im September entscheidet der Kantonsrat über das Bauland fürs St. Galler Stadionprojekt
- Tagblatt vom 17. Juli 2003
Was ist die Demokratie da noch wert?
Als Vizepräsident von «Fans Pro Stadion SG» bringen mich das Verhalten des VCS und verschiedene seiner Aussagen in Rage
- Tagblatt vom 4. Juli 2003
«Eckstein für jede weitere Entwicklung»
Autobahnanschluss Winkeln: Reaktionen auf die geplante Verschiebung des Ausbaus (im Artikel runterscrollen)
- Tagblatt vom 4. Juli 2003
Stadioneinsprachen: Rechtsstaatlichkeit im Abseits?
Gegen Difarmierung der
- Tagblatt vom 26. Juni 2003
«Zukunft hängt vom Stadion ab»
Ernüchterung bei den Stadionpromotoren
(im Artikel runterscrollen)
- Tagblatt vom 25. Juni 2003
«Umweltrechtlich nicht abgesichert»
Der VCS will seine Einsprache gegen das Stadionprojekt weiterziehen
(im Artikel runterscrollen)
- Tagblatt vom 23. Juni 2003
Breitseite gegen den VCS
Stadion St. Gallen AG weist Vorwürfe und Kritik des Umweltverbandes zurück
- Tagblatt vom 20. Juni 2003
Stadionbeschlüsse sind «deutliches Ja zum FCSG»
«Fans pro Stadion SG» hat «mit Freude» die Entscheide des Gemeinderates zum Stadionprojekt zur Kenntnis genommen.
- Tagblatt vom 20. Juni 2003
Referendumsfrist zum Stadion läuft
- Tagblatt vom 19. Juni 2003
Gestärkter Rücken - verpasste Chance
Reaktionen von Bauherrschaft und VCS zu den Stadionbeschlüssen des Stadtparlaments
- Tagblatt vom 18. Juni 2003
Stadt gibt Bauland gratis ab
Deutlicher als erwartet hat der St. Galler Grosse Gemeinderat gestern alle Anträge zum neuen Fussballstadion gutgeheissen.
- Tagblatt vom 18. Juni 2003
Stadt beteiligt sich nicht an Trägerschaft
Bauland nur gegen die Einbindung in die Stadion AG: Antrag klar abgelehnt
- VCS-Leonardo Nr. 4 / Juni 2003
Unergiebige Verhandlungen mit den Stadionpromotoren
Die Verhandlungen des VCS mit den Stadionpromotoren brachten wenige Ergebnisse.
- Der Rheintaler vom 17. Juni 2003
Seitenblick: Das «O.K.-K.o.»-Argument
Mehr oder weniger Arbeitsplätze dank den Einkaufszentren?
- Tagblatt vom 17. Juni 2003
Konkrete Anzeichen für ein klares Ja
St. Galler Stadtparlament entscheidet heute über das Stadionprojekt
- Tagblatt vom 17. Juni 2003
Unabhängige sagen Nein zum Stadionprojekt
Die Unabhängigen der Stadt St. Gallen lehnen «das riesige Einkaufszentrum unter dem Stadion» ab.
- Tagblatt vom 7. Juni 2003
Wandert der FC nach Vaduz aus?
Podiumsdiskussion zum St. Galler Stadionprojekt
- Tagblatt vom 21. Mai 2003
«Verkehrsprobleme noch nicht gelöst»
Verkehrsclub übt Kritik am St. Galler Stadionprojekt
- Tagblatt vom 18. Mai 2003
«Anderweitige Lösungen suchen»
Die «Interessengemeinschaft Kräzernstrasse/Bildweier» erläutert ihre Argumente gegen das Stadionprojekt
- Tagblatt vom 14. Mai 2003
Anwohner wollen nicht verhandeln
Stadionüberbauung am Autobahnanschluss Winkeln: Macht nun doch eine Gruppe Fundamentalopposition?
- Tagblatt vom 13. Mai 2003
Stadt steht hinter Stadionprojekt
Die Stadionüberbauung am Autobahnanschluss Winkeln ist das grösste Bauvorhaben auf Stadtgebiet seit dem Autobahnbau. Die nächsten Entscheide hat das St. Galler Stadtparlament zu fällen
- Tagblatt vom 10. Mai 2003
Gütlich geeinigt oder abgewiesen
Gegen das St. Galler Stadionprojekt waren im öffentlichen Auflageverfahren Anfang Jahr 13 Einsprachen eingegangen
- Tagblatt vom 2. April 2003
Stadion, Verkehr und Internet
Hauptversammlung des Quartiervereins Winkeln: Der Quartierverein Winkeln sorgte Ende 2002 mit seiner Einsprache gegen das neue Fussballstadion für Furore.
- Tagblatt vom 11. Februar 2003
Businessplan will Tore sehen
Betrieb des Fussballstadions in Winkeln soll ohne öffentliche Hand möglich sein
- Anzeiger: 14. Januar 2003
Noch gibt es Knacknüsse
St. Gallen / Fussball / Stadion: Fussballstadion und Einkaufszentrum in Winkeln: Zu viele Verkehrsfragen sind noch offen, nicht «modellhaft» gelöst.
- Tagblatt vom 10. Januar 2003
Elf Einsprachen gegen Stadionprojekt
Am Mittwoch ist die Auflage- und Einsprachefrist fürs neue St. Galler Fussballstadion abgelaufen. Bis gestern Mittag sind bei der Stadt elf Einsprachen eingegangen: drei von Verbänden, acht von privater Seite.
- Tages Anzeiger, 9. Januar 2003.
Kritik am neuen St. Galler Fussballstadion
Einsprachen gegen den Überbauungsplan zum St. Galler Stadion verzögern den Bau. Platzt nun das Grossprojekt?
- Tagblatt vom 9. Januar 2003
Ein «Ja, aber» vom VCS
Wie erwartet deponiert auch der VCS eine Einsprache gegen das Stadionprojekt. Das gab der Verband gestern bekannt. Im Grundsatz will er das Vorhaben akzeptieren. In der Planung gebe es aber noch Lücken.
- Tagblatt vom 17. Juli 2002
Stadionprojekt unter Druck
Das Projekt für das neue Fussballstadion gerät unter politischen Beschuss. Gestern haben die Unabhängigen den Abbruch der Übung verlangt. Die Stadion-Initianten weisen die Forderung als «politische Schaumschlägerei» zurück.
- Tagblatt vom 6. Juni 2002
«In Winkeln soll man leben können»
Viele Mitglieder des Quartiervereins Winkeln befürchten, dass der zunehmende Verkehr rund um den Autobahnanschluss ins Quartier überschwappt,
- Tagblatt vom 4. Juni 2002
Sechs Einsprachen gegen Ausbau
Gegen den Ausbau des Autobahnanschlusses Winkeln sind beim Bund sechs Einsprachen eingegangen,
- Wie wild ist der «Wilde Westen»?
Winkeln, Abtwil und Gossau sind von den Verkehrsproblemen rund um den Autobahnanschluss Winkeln betroffen, 1. Juni 2002
- Wo bleibt der öffentliche Verkehr?
VCS-Sektion St. Gallen/Appenzell organisiert Podiumsdiskussion zum Stadionprojekt, 27. Mai 2002
- Jetzt muss der ÖV-Ausbau her!
VCS Pressemitteilung zum Ausbau der Autobahnausfahrt Winkeln, 25. April 2002
- VCS-Lokal Nr. 57, März 02
Stadion West: Die Problematik des Einkaufszentrums
- VCS Leonardo Nr. 1 / 02, Februar 02
Winkeln: Polemik gegen den VCS
- Tagblatt vom 12. Dezember 01
Grösstes Einkaufszentrum der Schweiz?
VCS Pressemitteilung zum geplanten Einkaufszentrum Winkeln,
- VCS Lokal Nr. 50; Mai 2000
Skepsis des VCS:
Ausbau Autobahnausfahrt St.Gallen Winkeln,
- Tagblatt vom 26. April 2002
Kritik, aber keine Einsprache VCS verzichtet auf Einsprache gegen Autobahnausbau, fordert aber mehr öffentlichen Verkehr
- Tagblatt vom 18. April 2002
Abmagerungskur für Grossprojekt
Überbauungsplan für das neue Fussballstadion: Behörden und Bauherrschaft einigen sich,
- Tagblatt vom 6.4.2002
Blauäugig Leserbrief «Autobahn vor dem Infarkt?»,
- In Abtwil direkt auf die Autobahn
Die Pläne für eine Ergänzung des Autobahnanschlusses Winkeln liegen bis am 25. April öffentlich auf, Tagblatt vom 3.4.2002
- Tagblatt vom 6.3.2002
Autobahn vor dem Infarkt?
Verkehrsmessungen mit alarmierendem Ergebnis: In wenigen Jahren wird A1 verstopft sein.
- Tagblatt vom 28. März 2002
Verkehrsfragen bewegen am stärksten
110. Hauptversammlung des Quartiervereins Winkeln
- Tagblatt vom 20. Februar 2002
Wo kann das Projekt abspecken? Neues St. Galler Fussballstadion: Podiumsdiskussion sowie Verhandlungsrunde mit Kanton und Stadt,
- Tagblatt vom 14. Februar 2002
Bevölkerung über den Tisch gezogen?
Leserbrief zum Artikel «Gesucht: Weg aus der Sackgasse»,
- Tagblatt vom 20. Dezember 2001
« . . . dann ist Lichterlöschen» Verzögert sich der Stadionneubau, steht der FC St. Gallen vor grossen existenziellen Problemen
- Tagblatt, 20.12.2001
VCS: «Planung ist überrissen»
Die VCS-Sektion St. Gallen /Appenzell ist für ein neues Fussballstadion in der Stadt St. Gallen. Die Grösse des damit...
- Tagblatt, 17.9.2001
Bundesgericht stärkt VCS
Freizeit- und Einkaufszentren müssen mit öffentlichem Verkehr erreichbar sein
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St. Gallen West:
Eine Bombe auf die Kernstädte
Städte leben von Markt und Verkehr. Nicht von ungefähr ist der Marktplatz das Zentrum der Stadt. Nur hier durften die Bauern und Händler der Umgebung ihre Waren feil halten. Märkte ausserhalb der Stadtmauern waren verboten. Stadtrecht und Marktrecht waren miteinander verbunden und bildete die ökonomische Grundlage für das Aufblühen der Städte.
Die Städte blieben bis in die achtziger-Jahren das funktionale Zentrum der Region.
Mit dem Bau von Einkaufs- und Vergnügungszentren an den Autobahnausfahrten verlagert sich das funktionelle Zentrum der Agglomeration auf die grüne Wiese.
Die mit dem Bau des Stadions geplante Einkaufsfläche liegt in der Grössenordnung aller Einkaufsflächen von Abtwil, Gossau und Herisau zusammen und wird Kaufkraft von den ursprünglichen Zentren abziehen.
Alle wissen es: Hier wird eine Bombe gebaut, welche in den Stadtzentren von St. Gallen, Gossau und Herisau, aber auch in weiteren bisherigen Zentren wie Arbon, Rorschach Flawil, Wil einschlagen wird. Die Detonation ist keine laute und Zerstörung nur indirekt spürbar. Der Einschlag wird aber für die Städte verheerender sein, als manche richtige Bombe: Geschlossene Läden, abgezogenes Leben, grosse Verkehrsprobleme.
Zu den Verlierern gehört auch der öffentliche Verkehr, da er an diesem auf das Auto ausgerichteten Standort niemals einen angemessenen Marktanteil gewinnen kann.
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