Inhalt VCS Leonardo, 05 / Nr. 1:

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Schutz des Lebensraumes Stadt


25 Jahre VCS St. Gallen/Appenzell


Schutz des Lebensraums Stadt

Seit dem Jahr 2000 wird die Luft wieder schlechter und rund ein Fünftel der Bevölkerung in der Stadt St. Gallen lebt an Orten, wo die Lärmbelastung ein gesundheitsgefährdendes Ausmass erreicht. Die städtische Politik muss den Umweltschutz wieder ernster nehmen.

Hauptverursacher der übermässigen Belastung ist, wie der neue Umweltbericht der Stadt festhält, der Strassenverkehr. Für den VCS ist deshalb klar, dass dem Umweltschutz und insbesondere der Luftreinhaltepolitik wieder der richtige Stellenwert zukommen muss. Doch der aktuelle Trend läuft in die verkehrte Richtung: Anstatt die Massnahmen zur Luftreinhaltung durchzusetzen, trifft die Politik laufend Entscheide, welche die städtische Bevölkerung noch stärkeren Belastungen aussetzen – dies zum Nachteil des gesamten städtischen Lebensraums.

Strassenverkehr als Hauptsünder

Die steigende Verkehrsbelastung auf den Strassen ist die Hauptursache für eine Luft, die Menschen krank macht. So haben in den letzten Jahren die Ozonwerte, die Stickstoffdioxidbelastungen (NO2) und die aus Dieselmotoren stammenden Russpartikel zugenommen. Die geltenden gesetzlichen Grenzwerte werden dauernd überschritten. Auch die in den letzten Jahren erreichten CO2-Reduktionen im Bereich Heizung und Produktion werden durch den Strassenverkehr mehr als nur kompensiert.

Ebenso unerfreulich sind die Auswirkungen des Strassenverkehrs, was den erzeugten Lärm betrifft: Rund ein Fünftel der städtischen Bevölkerung lebt deshalb in einer krank machenden Umgebung. Die ursprünglichen Sanierungsfristen der Lärmschutzverordnung sind längst abgelaufen und notwendige Sanierungen an der Quelle werden nicht fristgerecht umgesetzt.

Nicht genug damit, dass die Ziele und Grenzwerte des nun über 20-jährigen Umweltschutzgesetzes bisher unerreicht blieben: Laufend werden auch Entscheide getroffen, die weiterem Verkehrswachstum Vorschub leisten. Zu erinnern ist in diesem Zusammenhang insbesondere:

  • an eine Bauentwicklung, die sich vornehmlich in den umliegenden Gemeinden abspielt und zur Zersiedelung der Landschaft und immer grösseren Pendlerströmen führt;
  • an die Ballung von an Autobahnausfahrten liegenden Einkaufs- und Freizeitzentren, die einseitig auf den Autoverkehr ausgerichtet sind;
  • an etliche Einzelentscheide für Bauvorhaben in der Innenstadt mit insgesamt mehreren tausend neuen Parkplätzen;
  • an die Stagnation bezüglich Ausbau und Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel in der Region und den Verlust an Marktanteilen seitens des ÖV sowie des Fuss- und Radverkehrs, weiter an den überdurchschnittlichen Auto-Anteil am Gesamtverkehr in der Ostschweiz.

Eine Trendumkehr ist machbar

In die gleiche falsche Richtung führen auch die Anstrengungen des Stadtrates, das Parkplatzangebot in der Innenstadt entgegen den Vorgaben der Luftreinhaltung um 1000 Parkplätze zu erhöhen, oder die undurchdachte Forderung bürgerlicher Parteien und der Wirtschaftsverbände nach einer Erhöhung der Kapazitäten des Strassennetzes. Das Wachstum des Strassenverkehrs ist kein Naturgesetz, sondern die logische Auswirkung konkreter Politik.

Der VCS fordert mit Nachdruck eine Trendumkehr – nur so kann der Lebensraum und Wirtschaftsstandort St. Gallen seine Attraktivität bewahren. Die Kantons- und Stadtbehörden sind in der Pflicht, die gesetzlichen Vorgaben einzuhalten. Im Einzelnen sind folgende Massnahmen umzusetzen:

  • eine Begrenzung der Bauentwicklung in der Peripherie und eine Konzentration der Entwicklung an mit dem öffentlichen Verkehr gut erschlossenen Lagen – dazu ist der Regionalpolitik ein grösseres Gewicht beizumessen;
  • ein Stopp von neuen Einkaufszentren am Stadtrand;
  • eine konsequente Umsetzung der Luftreinhalteverordnung insbesondere durch Begrenzung der Anzahl neuer Parkplätze und eine konsequente Bewirtschaftung der Parkplätze im Einkaufs-, Freizeit- und Berufsverkehr;
  • ein massgeblicher Ausbau des öffentlichen Verkehrs, damit dieser ans Auto verlorene Marktanteile zurückgewinnt;
  • ein Umbau des Staats- und Gemeindestrassennetzes im Sinne einer Koexistenz und einer Verstetigung des Verkehrs, um die Lärm- und Luftbelastungen entlang stark belasteter Achsen zu senken;
  • ein Aktionsplan zur Förderung des Fuss- und Veloverkehrs und jährliche Investitionen in der Grössenordnung der Investitionen für den motorisierten Verkehr;
  • eine Begrenzung und Bewirtschaftung der Strassenkapazitäten in der Agglomeration St. Gallen;
  • die Realisation von autofreien Wohngebieten.

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25 Jahre VCS St. Gallen/Appenzell

Am 31. Mai 1980 wurde im Hotel Hecht St. Gallen die VCS-Sektion St. Gallen/Appenzell gegründet. Seit 25 Jahren bestimmt der VCS die Verkehrspolitik in unserer Region aktiv mit.

Bereits ein Jahr nach der Gründung des Verkehrs-Clubs der Schweiz im Frühling 1979 sollten dessen 500 Mitglieder in den Kantonen St. Gallen und beider Appenzell in einer Sektion zusammengefasst werden: mit dem Ziel, regionale Strukturen aufzubauen, die es erlauben, in die Verkehrspolitik vor Ort einzugreifen und so die Ziele und Grundsätze des VCS «in der Fläche» umzusetzen. Die Sektion St. Gallen/Appenzell erlebte in den ersten zehn Jahren einen rasanten Mitgliederzuwachs von 500 (1980) auf 6650 (1990). Heute zählt sie rund 8000 Mitglieder. Eine noch viel steilere Wachstumskurve verzeichnete dabei das Budget: von bescheidenen 2500 Franken im Jahr 1980 auf 130'000 Franken im Vorjahr. Obwohl dadurch auch ein massiver Ausbau des Sekretariats möglich wurde, lebt die Sektion weiterhin stark vom ehrenamtlichen Engagement eines aktiven Vorstandes und der Mitglieder der Regionalgruppen.

Wo die jeweiligen Schwergewichte der regionalen VCS-Arbeit liegen, bestimmen die verkehrspolitischen Aktualitäten, überrissene Strassenprojekte oder auch der geplante Ausbau des Flugverkehrs. Die Unterstützung von nationalen Abstimmungskämpfen gehört ebenso dazu wie Interventionen für den Ausbau des öffentlichen Verkehrs. In den späten Achtzigerjahren bildete der Kampf gegen Umfahrungen im Toggenburg und im Linthgebiet einen Schwerpunkt. In Rechtsverfahren konnten bei etlichen grossen Einkaufs- und Vergnügungszentren wichtige Verbesserungen erreicht – oder gar umweltschädliche Vorhaben verhindert werden. Mit eigenen Vorstössen zum Thema Agglomerationsverkehr sowie dem Kampf gegen die Avanti-Initiative setzte der VCS in den letzten Jahren wichtige Akzente.

Rührige Regionalgruppen

Seit Beginn der Sektionsarbeit leisten die Regionalgruppen Grosses. Schon 1982 kämpfte die Ortsgruppe St. Gallen erfolgreich gegen die Südumfahrung. Weitere regionale Ableger wurden bald darauf gegründet: im Sarganserland 1982, Wil 1984, Appenzell Vorderland 1984, Werdenberg 1985, See/Gaster 1986, Gossau/Untertoggenburg 1986, Appenzell Mittelland 1987, Rorschach 1988. Nicht alle von ihnen blieben bis auf den heutigen Tag aktiv. Aber es sind immer wieder die Orts- und Regionalgruppen, welche zum Beispiel mit der Organisation von Velobörsen oder dem Einsatz für die Lösung lokaler Verkehrsprobleme wichtige VCS-Arbeit leisten.

Nicht stoppen konnte der VCS bisher den Trend zu immer mehr (unnötigem) Verkehr. Doch immerhin gelingt es, unsere Themen auf die Traktandenliste zu setzen und wo nötig ein starkes Gegengewicht zu bilden. Wenn hier eine Tempo-30-Zone eingerichtet, dort ein Veloweg gebaut wurde und da ein akzeptables ÖV-Angebot besteht und inzwischen auch Hauptstrassen verkehrsberuhigt werden, geht dies vielfach aufs Konto des VCS: In diesem Sinn wird sich die VCS-Sektion St. Gallen/Appenzell auch künftig für mehr Lebensqualität in unserem Wohnumfeld einsetzen und für den Schutz von Natur und Umwelt Mal für Mal eine Lanze brechen.

Andreas Bernhardsgrütter