St. Gallen, 11. September 2002
An die: Gemeinderätinnen und Gemeinderäte der Stadt St.Gallen
Vernehmlassung zum Projekt "Korrektion der Zürcher Strasse (Einkaufszentrum West/Stadion)"
Sehr geehrte Damen und Herren Gemeinderätinnen und Gemeinderäte
Wir bitten Sie, sich in der laufenden Vernehmlassung gegen das Projekt "Korrektion der Zürcher Strasse (Einkaufszentrum West/ Stadion)" auszusprechen.
Das Projekt ist unvollständig und nicht ausgereift. Es kann den Anforderungen in der vorliegenden Form nicht genügen.
Trotz anderslautenden Versprechungen der Regierung vom 6.März 2001, wonach ein koordiniertes Vorgehen erfolgen werde, werden Überbauungsplan, Autobahn-, Staatsstrassen-, Gemeindestrassenprojekt mit entsprechenden verkehrsberuhigenden Massnahmen für das umliegende Quartier nicht gleichzeitig aufgelegt, was allein eine gesamthafte Beurteilung möglich machen würde. Wir müssen uns nun wieder nur mit Teilversprechungen abfinden, die in keiner Weise schriftlich festgehalten sind. Umso wichtiger ist es, diese städtische Vernehmlassung genau auszuformulieren.
ÖV-Erschliessung
Das Projekt ist einseitig auf die Bedürfnisse des motorisierten Individualverkehrs ausgelegt. Die Erschliessung mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist schlecht.
Anstelle einer zentralen Bushaltestelle vor dem Eingang werden die Haltestellen an verschiedenen, weit auseinander liegenden und teilweise schlecht zugänglichen Orten angelegt. Die Idee eines Busknoten Stadion West ist damit stark beeinträchtigt.
Reisende in Richtung St.Gallen müssen mit ihren Einkäufen zuerst die sechsspurige Zürcher Strasse und anschliessend die vierspurige Herisauer Strasse überqueren, um dann, unmittelbar an der Hauptverkehrsachse, ungeschützt auf den Bus zu warten. Über die zugewiesenen Grünphasen für Fussgänger an den Lichtsignalen ist im Plan keine Aussage gemacht worden.
Zur Lenkung dieses Fussgängerstromes muss mitten in der Strasse eine 90cm hohe Mauer gebaut werden - auch dies kein Zeichen für eine ausgewogene Lösung.
Die Haltestelle in Richtung Gossau liegt ebenfalls unmittelbar am Strassenrand. Eine wirksame Überdachung und eine gute Anbindung ans Einkaufszentrum lassen sich so kaum verwirklichen. Aus den Plänen ist dazu auch nichts ersichtlich.
Der einzige Vorteil der vorgeschlagenen Lösung ist eine etwas einfachere Führung der Buslinien. Anstelle der Busse müssen die Passagiere die Zürcher Strasse zu Fuss überqueren. Dies macht die Benutzung des öffentlichen Verkehrsmittel unattraktiv.
Die Stadion AG geht bei ihren Verkehrsschätzungen von einem sehr hohen Anteil von 20% öV- und Langsamverkehr aus. Dieser Anteil liegt wesentlich höher als bei allen anderen vergleichbaren Zentren. Mit der vorliegenden Lösung kann er mit Sicherheit nicht erreicht werden.
Beispiele für gute Lösungen von öV-Anbindungen gibt es in St.Gallen bereits beim Säntispark (mit 10% öV-Anteil) oder beim Gallusmarkt.
Finanzierung
Obwohl es sich vorliegend um die Vernehmlassung zu einem Staatsstrassenprojekt handelt, sollten die Kosten für Verkehrsmassnahmen einmal gesamthaft auf dem Tisch liegen. Dies ist nicht der Fall.
Die Aufstellung der Kosten ist unvollständig. Sie beschränkt sich nur auf die Staatsstrassen. Konkrete Kostenschätzungen fehlen für:
- Verkehrsberuhigende und -lenkende Massnahmen in Winkeln
- Ausbau der Wege für den Langsamverkehr auf den umliegenden Gemeindestrassen
- Übrige Anpassungen an den Gemeindestrassen in der Umgebung des Einkaufszentrums ( z.B die Verbindung zum Gründenmoss)
Eine Überwälzung dieser Kosten auf die Bauherrschaft wird nach einer Zustimmung zum vorliegenden Projekt schwierig.
Ebenfalls sind noch keine Angaben zu den ungedeckten Betriebskosten für die geplanten neuen Buslinien und dessen Infrastruktur wie z.B gedeckte Bushaltestellen bekannt.
Im Bericht werden keine Aussagen gemacht, ob und wie die von der Bauherrschaft zu übernehmenden 8.9 Mio Franken abgesichert sind.
Über die Rentabilität des Projektes wurden schon verschiedenerorts Zweifel geäussert. Die finanziellen Aussichten des FC St.Gallen für die Zukunft sind, nach eigenen Angaben, schlecht. Ob der FC die massiven Mietkosten bezahlen kann ist zumindest unsicher.
Neben den Kosten für die Anpassungen an der Zürcher Strasse belasten die Aufwendungen für den Umzug des TCS (7.5 Mio.) und die Erschliessung mit dem öffentlichen Verkehr (Höhe noch nicht bekannt) das Projekt.
Sollte die Bauherrschaft weitere Unterstützungen seitens der öffentlichen Hand beantragen, würde der vereinbarte Kostenteiler zur Farce.
Schlussfolgerungen
Die Sektion St.Gallen / Appenzell des VCS bittet sie, auf Grund der gemachten Ausführungen, das Projekt in der vorliegenden Form abzulehnen.
Vor einer Zustimmung sollen die folgenden Verbesserungen vorgenommen, bzw. Fragen geklärt sein:
- Die Erschliessung mit dem öffentlichen Verkehr muss massiv verbessert werden. Nur mit einer zentralen Haltestelle mit direktem, überdachtem Zugang zum Einkaufszentrum lassen sich hohe ÖV-Anteile erreichen.
- Die Gesamtkosten für die öffentliche Hand müssen bekannt sein. Die finanziellen Beiträge der Bauherrschaft müssen abgesichert sein. Insbesonders muss vermieden werden, dass die Kosten für die ÖV-Erschliessung und den Betrieb später den allgemeinen ÖV-Mitteln belastet werden
Verkehrs-Club der Schweiz
Sektion St. Gallen/Appenzell