Bahnhofplatz St.Gallen

Diskussion Unterführung

Bahnhofplatz St.Gallen - mit oder ohne Unterführung?

St. Gallen, 3. Juli 2009. Soll der neue Bahnhofplatz St.Gallen mit einer verlängerten Unterführung gestaltet werden? Die Wettbewerbsjury sieht im ausgewählten Projekt gewisse Schwierigkeiten, weil bei einem ankommenden Zug mit vielen Passagieren der Busverkehr ins Stocken komme, verzichtete aber auf eine Empfehlung für den Bau einer Unterführung unter dem Bahnhofplatz. Derzeitig wird der Gestaltungsvorschlag überarbeitet.

Da auch innerhalb des VCS die Meinung geteilt ist, veröffentlichen wir hier zwei gegensätzliche Stellungnahmen:

weitere Infos:

Bahnhofplatz St.Gallen

Wettbewerbsergebnisse

Link Quersubventionierung

Dossier Bahnhofplätze

Link Quersubventionierung

Bahnhofplätze - eine Bühne für den Fussverkehr

Link Quersubventionierung

Exkursion Bahnhofplätze

Marktplatz

Pro:
Für eine Lösung mit Zukunft

Von Peter Jans-Matter

Bahnhofplatz Chur

Beispiel Bahnhofplatz Chur: Vorgelagerter Eingang zur Unterführung auf dem Bahnhofplatz

Soll die Bahnhofunterführung unter dem Busbahnhof hindurch bis zum Bahnhofplatz verlängert werden? Die Geister scheiden sich an dieser Idee. Ich war schon immer der Überzeugung, dass die Fussgängerinnen und Fussgänger das Recht haben, Strassen oberirdisch zu überqueren. Den Zwang, dem Strassenverkehr durch Unterführungen ausweichen zu müssen, lehne ich auch heute noch klar ab. Aber sind Unterführungen in jedem Fall des Teufels? Seit das Überqueren der Geleise aus nachvollziehbaren Gründen verboten ist – und das ist nun doch schon lange so – seit dieser Zeit gibt es bei allen Bahnhöfen Unterführungen. Es ist noch niemand auf die Idee gekommen, eine Bahnhofunterführung als Verbannung der zu Fuss Gehenden zu kritisieren. Wenn wir nun also von Zürich mit dem ICN auf Gleis 2 einfahren und in die Unterführung hinabgehen, warum sollen wir nicht gleich unter dem Busbahnhof hindurch gehen können, wenn das Ziel der Neumarkt, die Altstadt oder sonst etwas südlich der Buslinien ist? Warum soll nicht auch St.Gallen ein kleines Shopville erhalten, womit die Unterführung belebter, attraktiver und sicherer würde? Selbstverständlich soll auch in Zukunft jede und jeder die Möglichkeit haben, bei Tageslicht über die Bushaltestellen zu gehen.

Bereits heute kommen sich der Fussgängerstrom und die zahlreichen Busse und Postautos regelmässig in die Quere. Je mehr Personen unseren öffentlichen Verkehr benutzen – und wir wollen ja, dass es mehr werden – umso mühsamer wird es beim Busbahnhof. Wenn dereinst 50% mehr oder sogar doppelt soviele Personen, Züge und Busse den Bahnhof frequentieren, würden diese Störungen die Geduld der Passagiere und der Chauffeure über Gebühr strapazieren. Und es käme die Zeit, wo man sich fragen würde, warum man bei der Bahnhofplatzgestaltung wieder – für St.Gallen nicht untypisch – schmörzelig und kurzsichtig geplant hat. Ich plädiere deshalb dafür, nicht nur an heute, sondern auch an morgen und übermorgen zu denken und den Bahnhofzugang grosszügig mit einer attraktiven verlängerten Unterführung auszustatten.

 

Contra: Mit erhobenem Kopf über den Bahnhofplatz schreiten

Von Andreas Bernhardsgrütter

Bahnhofplatz Winterthur

Beispiel Bahnhofplatz Winterthur: Wird täglich von
100‘000 Personen und vielen Bussen frequentiert

Rund 10 Millionen Franken wurde in die Sanierung der Unterführung Brühltor investiert. Dies mit dem Ergebnis, dass der Fussverkehr die Kreuzung weiterhin unterirdisch queren muss. Dies hat in St.Gallen System: Beim Grossacker, bei der Post Langasse, beim Neudorf oder bei der Schönau - der Fussverkehr wird unter den Boden gedrückt und der motorisierte Verkehr geniesst Vorrang. Soll dies ausgerechnet am Bahnhofplatz auch geschehen? Ziel der vom VCS seit Jahren verfolgten Verkehrspolitik ist die Koexistenz zwischen den verschiedenen Verkehrsarten und nicht Verkehrstrennung, wie sie in den 70er Jahren verfolgt wurde. Dies gilt auch zwischen öV und Fussverkehr. Ein Bus muss auch mal wenige Sekunden warten, bis die Fahrbahn frei ist. Dies ist Teil des Miteinanders und der gegenseitigen Rücksichtnahme im städtischen Verkehr. Die neuen Bahnhofplätze in Basel und Winterthur beweisen, dass dies auch ohne Unterführung funktioniert und das bei viel höheren öV- und Fussgängerfrequenzen, als sie St.Gallen je haben wird. Warum dann die Angst in St.Gallen? Auch beim Bohl und Marktplatz möchten wir keine Unterführung, obwohl dort annähernd gleich viele Busse verkehren und ebenfalls viele Passanten unterwegs sind.

Die Neugestaltung des Bahnhofplatzes sorgt für eine bessere Organisation der Zu- und Wegfahrten der Busse. Zudem müssen nicht mehr so viel Perrons und Busspuren gequert werden. Die Situation wird übersichtlicher und entspannter. Der Gestaltungsvorschlag für den Bahnhofplatz müsste aber mit einer zusätzlichen Unterführung massiv verändert werden. Es braucht zusätzliche Aufgänge mit Treppen – auch zu den Busperrons. Eine behindertengerechte Rampe mit 6% Neigung ist etwa 50m lang. Das alles braucht viel Platz, verursacht Umwege und kostet Geld. Ich möchte den freien Platz lieber für eine grosszügige Gestaltung der Fuss- und Veloflächen nutzen, statt diesen mit zusätzlichen Bauten für die Aufgänge verstellen. Ich möchte, dass ankommende Reisende auf dem Weg zur Stadt keine unübersichtlichen und schmuddeligen Gänge queren müssen. Ich möchte schliesslich die Millionen nicht für den Bau und Unterhalt einer neuen Unterführung investieren, sondern für die Aufhebung der Unterführungen entlang der Hauptstrassen.