Wichtige Zielsetzungen für den künftigen öffentlichen Verkehr in der Ostschweiz

Strategieplan öffentlicher Verkehr St. Gallen

St. Gallen, 2. September 2002: Die Regierung des Kanton St. Gallen hat den Strategieplan des öffentlichen Verkehrs zuhanden des Kantonsrates verabschiedet. Darin werden wichtige Zielsetzungen für die künftige Entwicklung des öffentlichen Verkehrs nicht nur für den Kanton St. Gallen, auch für die gesamte Ostschweiz gesetzt.

Aufwärtsspirale beim öffentlichen Verkehr

Das Wichtigste vorneweg: Die weitere Förderung des öffentlichen Verkehrs wird zu einer wichtigen Zielsetzung des Kantons St. Gallen. Damit bleibt der öffentliche Verkehr weiterhin in einer (langsamen) Aufwärtsspirale mit besserem Angebot > bessere Nutzung > grössere Nachfrage > Druck für eine verbesserte Nachfrage. Dies ist keine Selbstverständlichkeit, wie der Blick über die nahen Grenzen zeigt, wo Linien aufgegeben oder das Fahrplanangebot ausgedünnt wird. Wenn die Planung des öffentlichen Verkehrs bisher von einem im letzten Jahrhundert historisch gewachsenen Schienennetz und Angebot ausgegangen ist, findet jetzt ein eigentlicher Paradigmenwechsel statt: Auf der Basis einer fundierten Auslegeordnung wird ein anvisiertes Angebot definiert, um daraus die notwendigen Massnahmen abzuleiten. Kurz: der Kanton geht vom Weiterwursteln zum strategischen Planen über.

Systemknoten St. Gallen und Sargans

Um die mit dem Konzept "Bahn 2000" festgelegten Taktfahrzeiten zu gewährleisten, müssen die Fahrzeiten zwischen den wichtigen Systemknoten unter eine Stunde gedrückt werden. Als wichtige Systemknoten wurden nun St. Gallen und Sargans definiert. Um einen funktionierenden Takt auf diese Knoten mit den Knoten Zürich HB und Feldkirch herausbilden, sind die Fahrzeiten insbesondere zwischen Zürich und St. Gallen einerseits sowie St. Gallen und Sargans andererseits markant zu verkürzen. Dies erlaubt ein darauf abgestimmtes Angebot der Regionalzüge mit einer Fahrplanspinne um xx.00 Uhr und xx.30 Uhr.

Intercity St. Gallen - Zürich ohne Halt bis Winterthur

Die schnelleren Verbindungen können nur mit der Aufgabe von bisherigen Halten der Intercity-Züge erreicht werden. Um die entsprechenden Regionalzentren und Umsteigeknoten wie Wil, Gossau, Flawil und Uzwil nicht vom Schnellzugsverkehr abzuhängen bedarf es zur Kompensation zusätzliche Interregio-Züge.

Schwergewicht Agglomerationsverkehr

Der Öffentliche Verkehr soll gemäss Strategieplan in dichten Agglomerationen besonders gefördert werden, um die hier sich ballenden Verkehrsprobleme aufzufangen. Eine besondere Herausforderung ist sicher der anvisierte Ausbau der S-Bahn St. Gallen.

Städtenetz Bodensee - Anbindung an Hochgeschwindigkeitsnetz

Der grenzüberschreitende Verkehr soll mit einer besseren Anbindung an Singen, Feldkirch und Bregenz beschleunigt werden. Um die anvisierte Anbindung der Ostschweiz an das internationale Hochgeschwinfdigkeitsnetz zu erreichen, bedarf es aber auch Ausbauten auf den süddeutschen Linien nach Stuttgart, Ulm und München.

Endlich? vollwertiger Tarifverbund

Was die Nordwestschweiz seit Jahrzehnten hat, ist in der Nordostschweiz noch Zukunftsmusik. Noch immer stehen am Bohl St. Gallen drei Billetteautomaten je einen für den Stadtbus, die Trogenerbahn und das Postauto. Im Postauto zwischen Uzwil und Wil hat es zwei Abstempelautomaten für unterschiedliche Billette. Das Postauto darf auf Stadtgebiet St. Gallen unterwegs keine Kunden einsteigen lassen. Immerhin wird jetzt ein vollwertiger Tarifverbund angestrebt, welcher zu einer zusätzlichen Nachfrage von 5 Prozent führen soll.

Güterverkehr: Aus für den Hirzel?

Der Hirzeltunnel, bis vor einigen Jahren von der Regierung noch vehement gefordert, hat aus der Sicht des Strategieplanes und damit auch der Regierung offenbar kaum mehr Priorität. Ihr Bau wird von einem Bedarfsnachweis abhängig gemacht. Dies sind zurückhaltendere Töne. Eine grössere Verlagerung im Güterverkehr erhofft sich der Kanton auf der West-Ost-Achse, auf der offenbar wesentlich mehr Güter transportiert werden, als in Nord-Süd Richtung. Dazu soll insbesondere ein leistungsfähiger trinationaler Güterbahnknoten im Rheintal gebaut werden.

Institutionelle Rahmenbedingungen verbessern

Der öffentliche Verkehr ist in den letzten 150 Jahren aus lokalen Eigenheiten gewachsen. Es finden sich eine Unzahl von privaten und öffentlichen Trägern und Betreibern, komplizierte Abhängigkeiten und Finanzierungsschlüssel, eine Verflechtung zwischen Besteller und Anbieter. Das neue Eisenbahngesetz will mehr Markt im öffentlichen Verkehr, was angesichts der Dominanz der SBB als Anbieter und der verzettelten Konkurrenz recht illusorisch ist. Auch ist es aus politischen wenig wahrscheinlich, dass beispielsweise die Stadt St. Gallen als Besitzer der VBSG den Betrieb des Stadtbusses an den Stadtbusbetrieb Chur AG vergibt.

Hier mehr Markt zu schaffen, benötigt einen grossen Hosenlupf. Im Strategieplan wird angetönt, dass über das Gebiet der Kantone St. Gallen und beider Appenzell ein einheitlicher Anbietermarkt geschaffen werden kann. Vorbild könnte hier der Zürcher Verkehrsverbund sein, welcher alle ÖV-Leistungen für das gesamte Netz einkauft. Dies bedingt, dass bisherige Kompetenzen an eine einzige Trägerschaft abgegeben werden. Sicher ein richtiger Schritt, aber politisches Glatteis.

Finanzierung: Mehr Spielraum

Ein - wenn nicht ganz neuer - so doch richtiger Vorschlag ist, für den öffentlichen Verkehr im Kt. St. Gallen einen Rahmenkredit zu schaffen. Dies schafft in der Verwaltung zusätzlichen Spielraum. Neue Mittel für den öffentlichen Verkehr sollen durch Beiträge von Investoren realisiert werden, welche von einem guten ÖV-Angebot profitieren. Solche Beiträge zahlen bereits verschiedene Einkaufs- und Vergnügungszentren wie beispielsweise das Westzenter oder der Gallusmarkt auf Grund von Verhandlungen mit dem VCS.

ÖV: Imageträger und Standortfaktor für den Kanton

Die Regierung hat erkannt, dass der öffentliche Verkehr ein wichtiger Standortfaktor und Imageträger des Kantons ist und will entsprechende Anstrengungen ins Marketing verstärken. Vielleicht gehört dazu auch, dass etwa die Staatseigene SOB nicht mehr in vier bis fünf unterschiedlichen Farben und Layouts daherrattert und einen einigermassen zeitgemässen Komfort aufweist.

Andreas Bernhardsgrütter

nach oben

weitere Artikel:

Den Kanton Zürich als Vorbild nehmen?
20.November 2002

40'000 Unterschriften für Sargans
20. Mai 2002

Links

www.sg.ch/Verkehr

Mitteilung des Kt. Amt für Verkehr und Strategieplan zum herunterladen

www.bodan-rail.net/

Interregprojekt Bodanrail, Bahnvernetzung im Bodenseeraum

VCS ÖV-Links-Tipps



Kommentar:

Ein gutes Fundament

Es ist erfreulich, dass für einmal gründlich über den öffentlichen Verkehr nachgedacht wurde. Die Politik erhält mit dem Strategieplan ein taugliches Instrument, mit denen auf einer soliden Basis über Ziele der ÖV-Politik diskutiert werden kann. Die aufgezeigten Strategien setzen klare Prioritäten und sind auch recht provokant. Wenn beispielsweise der Intercity nicht mehr in Wil, Gossau oder Uzwil hält - ist das für die betroffenen Regionen einschneidend. Dies gelingt nur, wenn ein akzeptables zusätzliches Angebot mit Interregio-Zügen geschaffen werden kann.

Dies kostet. Und hier liegt wohl der Hase im Pfeffer. Auf der Ebene der Zielsetzungen wird sich die Politik noch schnell einig, wenn es aber um die Finanzierung geht, werden die Bandagen angezogen.

Der Strategieplan zeigt aber auch auf, wo die Mittel schwergewichtig eingesetzt und besser genutzt werden sollen: Im Agglomerationsverkehr und bei einer Verbesserung der nationalen und internationalen Schnellzugsverbindungen. Das ist richtig so. In ländlichen Regionen wird es dadurch aber schwieriger, einen Ausbau des ÖV-Angebots zu fordern. Hier muss man sich mit einem recht knappen Grundangebot begnügen. Die angestrebte Konzentration der Mittel wird Widerspruch herausfordern.

Immerhin besteht mit dem nun vorliegenden Strategieplan ein Papier, in dem die Politik auf gewisse Zielsetzungen verpflichtet werden kann. Bei allfälligen notwendigen Investitionen bestehen somit grössere Chancen, dass die entsprechenden Mittel auch eingesetzt werden.

In diesem Sinne ist dem vorliegendem Papier eine engagierte Debatte zu gönnen.

Andreas Bernhardsgrütter